Brotopia – Breaking Up the Boy’s Club of Silicon Valley (Buchbesprechung)
Lisa
Lisa Figas | Marketing Manager
@meet_lisa
2019 M05 21, Tue

Brotopia von Emily Chang: Über Coder, Coderinnen und die Geschichte der Nerds

Wir bei Boxcryptor sind darum bemüht, die beste Software für Verschlüsselung zu bauen, die man sich nur denken kann. Das erreichen wir, indem wir seit der Firmengründung auf ein divers zusammengesetztes Team bauen. Frauen, Eltern, Ausländer, Berufseinsteigerinnen, Fahrradfahrer – je mehr Perspektiven wir im Team abdecken, desto besser ist unser Code – davon sind wir überzeugt.

Schaut man auf andere Unternehmen der Tech-Branche, bemerkt man - öfter als man denkt - ein starkes Ungleichgewicht der Geschlechter. In dem Buch Brotopia wird genau dieses Ungleichgewicht untersucht und herausgearbeitet, warum unsere Gesellschaft diverse Perspektiven auf Software braucht. Wie so oft in der IT-Branche blicken wir deshalb in die USA, ins Silicon Valley, dem pulsierenden Herzen der Digitalisierung.

Brotopia – Breaking Up the Boy’s Club of Silicon Valley

Die US-Amerikanische Journalistin und TV Produzentin Emily Chang hat sich die Mühe gemacht, in die Geschichte des Silicon Valley zu blicken. Sie hat mit Gründern aus der Anfangszeit der IT-Systeme gesprochen und Frauen über ihre Arbeit bei den Tech-Giganten unserer Zeit zu befragt. Mit ihrem Buch Brotopia – Breaking Up the Boy’s Club of Silicon Valley – hat sie eine lesenswerte Bestandsaufnahme vorgelegt.

Changs Fragen sind: Wie kam es eigentlich dazu, dass Programmieren als Männerberuf gesehen wird? Warum ist es problematisch, wenn IT-Systeme hauptsächlich von Männern entworfen werden? Welche Folgen hat das für die Menschen, die diese Systeme benutzen?

Die Geschichte der Computer-Nerds: Der männliche Einzelgänger als perfekter Programmierer?

Dass hauptsächlich Männer Code schreiben, war nicht immer so. Zu Beginn des IT-Zeitalters in den 60er Jahren waren ebenso viele Frauen in dieser Branche angestellt wie Männer. Vielleicht erinnern Sie sich an Margeret Hamilton, die mit ihrem Team den Code für die Apollo 11 Mondlandung geschrieben hat? Damals war das nichts Ungewöhnliches.

Doch als die Branche wuchs und die Unternehmen immer mehr Arbeitskräfte benötigten, um immer mehr Programmieraufgaben abzuarbeiten, entstand der Bedarf für einen optimierten Bewerbungsprozess. An diesem entscheidenden Punkt trafen die beiden Wissenschaftler William Cannon und Dallis Perry eine folgenschwere Entscheidung: Sie definierten das ideale Persönlichkeitsprofil für Programmierer. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Profils waren Eigenschaften, die man Einzelgängern zuschreibt. Mit einem speziell zu diesem Zweck entworfenen Persönlichkeitstest suchten Firmen von nun an nach neuen Programmierern. Das antisoziale Nerd-Stereotyp war geboren.

Heute wird die Bezeichnung „Nerds“ fast schon liebevoll verwendet. Damals erschienen sie als die Zukunft der IT-Branche. Man suchte an Colleges fortan nach diesem Typ Mensch und fand ihn vor allem unter den männlichen Studenten. Denn wenn man gezielt nach antisozialem Verhalten sucht, findet man es häufiger bei Männern als bei Frauen. Dabei gab es für die Annahmen von Cannon und Perry keine wissenschaftliche Grundlage. Sie entschieden einfach, dass zufriedene Programmierer allesamt eine Charaktereigenschaft teilen: Sie mögen keine Menschen.

Damit war das Ungleichgewicht besiegelt. Eines führte zum anderen und plötzlich bist Du die einzige Frau im Büro, nachdem die Firmengründer die ersten 50 Positionen unter ihren Kumpels verschachert haben.

Es mag sein, dass das nicht allen Frauen etwas ausmacht, aber viele finden so eine Arbeitsumgebung unangenehm und es kann einen Nährboden für sexistisches Verhalten bieten. Exemplarisch soll dafür das Beispiel von Yelp dienen, einem Tech Unternehmen, dass so viele Meetings im nahegelegenen Striptease-Schuppen „Gold Club“ abhielt, dass dieser intern den Beinamen „Conference Room G“ erhielt. Zahlreiche weitere Berichte und Studien in Brotopia belegen die bierselige Kumpel-Kultur in den größten und wichtigsten Technologieunternehmen unserer Zeit.

Die Gefahr besteht, dass Frauen die Firmen nach kurzer Zeit wieder verlassen, es vielleicht noch einmal bei einem anderen Arbeitgeber versuchen, dort aber ähnliche Erfahrungen machen und sich dann irgendwann einen Job in einer anderen Branche suchen.

Systematische Benachteiligung und strukturelle Bevorzugung im Silicon Valley

So gab es viele kleine und große Vorkommnisse, die das Ungleichgewicht der Geschlechter im Silicon Valley weiter verfestigt haben.

Da war zum Beispiel die Firma Trilogy (in den 90er so wichtig wie heute Microsoft), die ein großes Recruiting-Programm an Universitäten fuhr. Zukünftige Arbeitskräfte wurden mit Partys angelockt. Die Recruiter, die Champagnerflaschen und Computer verschenkten, waren allerdings allesamt sexy Recruiterinnen. Nachvollziehbarerweise brachten diese Animierdamen hauptsächlich männliche Bewerber zu Trilogy.

In PayPal’s Gründerjahren um die Jahrtausendwende herum war das wichtigste Einstellungskriterium, dass die Gründer mit den Angestellten gut auskamen. Peter Thiel vom Gründungsteam sagte dazu: “It’s always, you know, is this somebody that we’d want to work with and could become friends with over a long time?” Als das Magazin Fortune 2007 dann das PayPal-Management – das zu dieser Zeit bereits als Mafia bezeichnet wurde – portraitierte, vergaß man schlicht, die wenigen Frauen zum Fotoshooting einzuladen, die es in die Top-Positionen des Unternehmens geschafft hatten. Emily Chang misst diesem Foto eine große Bedeutung zu und zitiert Roger McNamee, Investor und Risikokapitalgeber, der anmerkt, dass viele die Gründungsgeschichte von PayPal als Vorlage sehen. Die Welt erwartete von da an, dass erfolgreiche Tech-Unternehmen von Zigarre rauchenden College-Kumpels gegründet werden. Die Frauen im Unternehmen – ausradiert.

Die Beispiele, die Chang aus der fast 70-jährigen Geschichte des Silicon Valley beschreibt, reichen von der systematischen Vertuschung von sexuellen Übergriffen bei Google bis hin zur strukturellen Benachteiligung von Frauen bei den Venture-Capital-Firmen und den Investoren. Man kann Bedeutung der Risikokapitalgeber gar nicht deutlich genug hervorheben: Sie sind das Herz, die Pumpe des Systems Silicon Valley. Sie entscheiden, wohin die Millionen fließen und haben dadurch einen enormen Einfluss auf die Gestaltung unseres Alltags.

Emily Chang arbeitet die Bevorzugung von weißen, jungen Männern im Silicon Valley heraus und befasst sich mit den Problemen, die daraus für Frauen und People of Color, für Homosexuelle, Behinderte und Menschen mit Kindern entstehen. Doch sie zeigt eben auch die Geschichten von erfolgreichen Gründerinnen und Managerinnen. Sie spricht über Frauennetzwerke und zeigt Lösungsideen auf.

Da sind zum Beispiel die Startups Winnie und Quip, deren Gründer es geschafft haben, Familie und Firma nicht nur für sich selbst unter einen Hut zu bringen. Sie haben gezielt daran gearbeitet, eine familienfreundliche Unternehmenskultur zu schaffen. Dazu gehört auch, dass eben nicht (wie beim Branchenvorbild Google üblich) um 20:15 kostenfreies Abendessen serviert wird, denn das baut den Druck auf, jeden Abend so lange in der Firma zu bleiben.

Über die Autorin

Emily Chang hat ihre Karriere im Fernsehjournalismus als internationale Korrespondentin bei CNN begonnen und arbeitet seit 2010 beim amerikanischen Wirtschaftskanal Bloomberg TV als Moderatorin und Produzentin. In ihrer täglichen Show spricht sie mit bedeutenden Persönlichkeiten der Technologiebranche. Im Rahmen dieser Tätigkeit befasste sie sich immer wieder mit dem Phänomen der hohen Männerquote, erhielt aber stets nur unbefriedigende Antworten auf ihre Fragen.

Es ist durchaus eine Erwähnung wert, dass Emily Chang sich mit Brotopia selbst in eine Position gebracht hat, die nicht ungefährlich ist. Im Buch wird die Geschichte von Gamergate erzählt. Zoe Quinn, eine Spieleentwicklerin, hatte es gewagt, sich öffentlich gegen den Sexismus der Spielebranche auszusprechen und sieht sich nun bereits seit über drei Jahren mit Vergewaltigungsdrohungen online und Angriffen im sog. Real Life konfrontiert – Quinn lebt mittlerweile Anonym unter geheimer Adresse. Es gibt offenbar eine kritische Masse an Gamern, die es so unerträglich finden, wenn eine Frau auf Missstände hinweist, dass sie selbst Straftaten begehen, um sie mundtot zu machen.

Mein Fazit: Lesenswert, doch keine leichte Kost

Unter den vielen Büchern, die ich lese, ist selten eines, das so abgestoßen, zerknittert und fleckig aussieht wie Brotopia. Ich habe dieses Buch lange mit mir herumgetragen. Urlaub, Straßenbahn, Spielplatz – Brotopia war immer dabei. Der Grund ist, dass ich dieses Buch in kleinen Portionen lesen musste. Einerseits war es so interessant, dass ich stets Notizen gemacht habe und die Beispiele, die Chang nennt, gegoogelt habe. Andererseits sind die Anekdoten, die sie erzählt auch oft so schwer zu ertragen, dass man das Buch erstmal wieder weglegen muss.

Mir hat Brotopia die Augen geöffnet. Ich verstehe nun den geschichtlichen Hintergrund der IT-Branche und wie tief verwurzelt Diskriminierung, Ausgrenzung und Vorurteile darin sind – Diskriminierung von Frauen und Minderheiten, sowie Vorurteile gegenüber dem typischen IT-Nerd.

Doch Chang lässt uns nicht deprimiert zurück. In Brotopia zeigt sie uns auch, wie viele junge Menschen an einer diversen Zukunft des Programmierens arbeiten, sich gegenseitig ausbilden und bewundernswerte Zukunftspläne entwickeln. Der Nachwuchs der Programmierer und Programmiererinnen steht in den Startlöchern.

Und auch das Beispiel Slack (Firmenchat) stimmt mich positiv, denn es zeigt, dass man durchaus eine offene Firmenkultur pflegen kann, in der sich alle Angestellten wohl fühlen. Weil von Beginn an sowohl durch die Persönlichkeit der Gründer als auch durch die Unternehmensrichtlinien festgelegt war, dass Vielfalt eines der Kernelemente von Slack ist. Denn wer daran arbeitet, dass verschiedenste Menschen effektiv zusammenarbeiten können, der muss selbst verschiedenste Menschen an seinem Produkt arbeiten lassen. So hatte Slack in seiner Unternehmensgeschichte noch nie Mühe, eine Frauenquote von fast 50% zu halten. Ein wichtiges Instrument dabei ist das Recruiting-Team, das sich aus Menschen verschiedenen Alters, Hautfarbe und Geschlecht zusammensetzt. Darunter einige LGBTQ. Lesen Sie hier mehr zum Thema Diversity bei Slack.

Qualität durch Vielfalt bei Boxcryptor

Hier bei Boxcryptor arbeiten wir aktiv gegen festgefahrene Rollenbilder an. Unser Gründerteam besteht aus einer Frau und einem Mann. Unter den Angestellten bei Boxcryptor liegt die Frauenquote bei 45%. Gründerin Andrea Pfundmeier hat es sich zur Aufgabe gemacht, Schülerinnen und Studentinnen für die IT-Branche und für die Gründung zu begeistern und spricht deshalb mehrmals im Jahr an Schulen und hält Workshops.

Doch wir ruhen uns keinesfalls auf den bisher erreichten Zielen aus. Wir hinterfragen uns selbst, sprechen vorurteilsbelastetes Verhalten im Team an und rekrutieren gezielt Mitarbeiter jeden Alters, unabhängig von Hautfarbe, Kleidungsstil, Familienstand und sexueller Orientierung. Ich möchte passenderweise auch mit einem schönen englischen Satz enden: Come as you are.

Komm in unser Team

Kannst Du Dir vorstellen, unser Team um Deine eigene Perspektive zu bereichern? Wir sind immer auf der Suche nach motivierten, kreativen und leidenschaftlichen Talenten.

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