Die Macht hat nicht derjenige mit den meisten Kameras, sondern derjenige, der die vorhandenen Daten miteinander in Beziehung setzt und daraus Schlüsse zieht.
Moritz
Moritz Ober | Cyber Security Writer
2019 M01 16, Wed

Der Gläserne Mensch: Film und Realität

Wie nah sind sich Film und Realität in der Gestaltung des „Gläsernen Menschen“, also der totalen Durchleuchtung von Bürgern durch einen Staat? Nachdem wir im ersten Teil unserer Serie einen Blick auf Orwells daueraktuelles Werk „1984“ geworfen haben, stellten wir im zweiten Teil dieser Serie fest: Gut, dass die Strafverfolgung nicht allein durch Algorithmen übernommen wird.

Heute soll dieser Schluss auf die Probe gestellt werden. Haben wir im letzten Teil der Serie noch die Existenz eines Killersatelliten verneint, stellen wir uns diesmal mit Blick auf den Film „Der Staatsfeind Nr. 1“ die Frage: Braucht es diesen überhaupt?

Teil 3: Der Staatsfeind Nr. 1

Schon 1998 rückte für die Kinobesucher eine ganz und gar nicht fiktive US-Bundesbehörde in den Fokus einer fiktiven Geschichte: die National Security Agency (NSA). Diese ist auch in Deutschland dank Edward Snowden nicht mehr unbekannt. Anders sah das jedoch noch Ende der 90er Jahre aus, als Tony Scott den spannenden Thriller mit Will Smith, Gene Hackman und Jon Voight in den Hauptrollen auf die Leinwand brachte. Durch den Fokus auf die NSA war der Film auf jeden Fall seiner Zeit voraus.

Kern der Handlung ist der politisch motivierte Mord an einem Senator, den ein NSA-Abteilungsleiter vertuschen möchte. Der Senator hatte sich gegen ein geplantes Gesetz gestellt, welches die Überwachungsmöglichkeiten der NSA deutlich erweitern sollte. In der Folge gelangt Videomaterial des Mordes in die Hände eines Anwalts. Dieser wird daraufhin zum Gejagten der NSA.

Das Video würde den Geheimdienstmitarbeiter schwer belasten. Deshalb zieht dieser während der Hatz alle ihm zur Verfügung stehende Register, von Satellitenortung bis hin zur Diffamierung des renommierten Anwalts. Pikant: Nicht die technischen Raffinessen der NSA-Maßnahmen sind das größte Problem für den „Staatsfeind“ (wenngleich sie am Ende natürlich dabei helfen, die Wahrheit ans Licht zu bringen). Es ist ein durchtriebener Agent mit zu viel Macht und mächtigen Hilfsmitteln.

Schutz vor Bedrohungen – von außen

Wenn es um die Bedeutung flächendeckender Überwachung, die Erweiterung polizeilicher Befugnisse oder die Speicherung von Daten unbescholtener Bürger geht, wird häufig folgendes Argument vorgebracht: Alle Maßnahmen sind nötig, um den Schutz vor Bedrohungen zu gewährleisten. Gemeint ist die Prävention illegaler Aktivitäten, der organisierte Kriminalität und von Terror. Man könnte auch sagen: Bedrohungen „von außen“, wobei dieses „außen“ mehr als vage definiert ist.

In Bayern machte diesbezüglich die Erweiterung des Polizeiaufgabengesetzes im Mai 2018 Schlagzeilen und stieß auf heftigen Widerstand in der Bevölkerung. Zugrunde liegt besonders eine Sorge: Dass Daten, die im Rahmen der Verbrechensprävention gesammelt werden, am Ende missbraucht werden könnten.

Ein weithin bekannter Satz dazu wird dem römischen Dichter Juvenal zugeschrieben: „Wer aber soll die Wächter selbst bewachen?“, fragt dieser im ersten Jahrhundert. Diese Frage stellt sich bis heute, wenn auch in geändertem Kontext: „Wer überwacht den Staat, die Gerichte, die Polizei (…)?“ Auf den Seiten der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung findet sich zu letzterem ein umfangreicher Artikel. Endgültig beantwortet ist die Frage damit allerdings noch lange nicht.

Letzten Endes ist die Frage nach der Kontrolle der Überwachenden für den Staatsfeind Nr. 1 aber auch irrelevant: Denn als die Drahtzieher des Komplotts überführt werden, ist bereits großer Schaden entstanden. Und nicht immer ist die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes (der Anwalt im Film kehrt am Ende in sein altes Leben zurück) so einfach – geschweige denn überhaupt – möglich.

Hier offenbart sich eben der wirklich spannende Blick des Filmes: Nicht unbedingt die konstante Überwachung durch Satelliten oder die Hetzjagd durch Agenten des Geheimdienstes stellen das größte Risiko dar. Diese sind nämlich durchaus an die (ohnehin schon durch das Kino gedehnten) Grenzen der technischen Möglichkeiten gebunden. Vielmehr zeigt sich die Hilflosigkeit des Protagonisten, als seine Glaubwürdigkeit aufgrund der gezielten Manipulation von Informationen verloren geht, bis selbst die Familie am Vater zweifelt.

Vorhandenes Misstrauen und die geschickte Kombination eigentlich harmloser Daten führen im Film dazu, dass der arglose Anwalt zum Höhepunkt nahezu entblößt – sowohl was seine Kleidung als auch seine sozialen Kontakte angeht – seinen Peinigern entkommen muss.

Korruption und Kontrolle

Tony Scotts Film mag zwar von den meisten als Actionfilm eingestuft werden, doch sowohl die zugrundeliegende Thematik als auch der Mangel an Freude bei der NSA über die Darstellung der Behörde damals zeigen: Niemand kann Sicherheit vor Machtmissbrauch garantieren. Der Staatsfeind Nr. 1 lenkt den Blick auf ein Problem, das auch für den Schutz digitaler Daten weitreichende Folgen hat. Egal welche Art von Information gespeichert ist, ganz gleich wo und unter wessen Schutz, sobald die Wächter ein Interesse am Inhalt haben, entgleitet dem Eigentümer die Kontrolle. Dieses Interesse muss dabei nicht persönlich oder böswillig sein: Der amerikanische PATRIOT-Act verpflichtet beispielsweise amerikanische Cloud-Dienste zur Datenweitergabe auf Anfrage. Dies geschieht mit dem Argument, die Bevölkerung von außen schützen zu wollen – aber wiederum ohne die Garantie, dass erhaltene Informationen vor Missbrauch innerhalb der Behörde geschützt sind. Zwar sind die Voraussetzungen für Datenweitergabe sowohl unter dem PATRIOT-Act als auch dem CLOUD-Act theoretisch geregelt, wie Anfragen aber am Ende legitimiert werden, wollen wir an dieser Stelle bewusst offen halten.

Fakt und Fiktion

Mangelnde Kontrolle nach innen ist auf jeden Fall fruchtbarer Boden für keimende Korruption, die einen Missbrauch der Kontrolle nach außen begünstigt. Für diese Erkenntnis muss man auch nicht ins Kino gehen.

Und vielleicht ist dies beim Thema „Überwachung“ allgemein eher kontraproduktiv: Auch der Thriller von Tony Scott bedient sich in seiner Dramaturgie der starken Verzerrung der Realität. Dies betrifft vor allem die Technik hinter der Überwachung. So ist gegenwärtig nicht die Satellitenüberwachung (welche mithilfe von Kameras und in Echtzeit, wie im Film dargestellt, nur sehr schwer möglich ist) das größte Problem. Auch der Einsatz unmöglicher 3D-Kameras, die uns bzw. den Protagonisten „nackt“ auftreten lassen entspricht nicht der Realität. Beunruhigend ist jedoch die große Menge an digitalen Spuren und Daten, welche Menschen im 21. Jahrhundert transparenter denn je erscheinen lassen.

Die Macht hat nicht derjenige mit den meisten Kameras, sondern derjenige, der die vorhandenen Daten miteinander in Beziehung setzt und daraus Schlüsse zieht.

Vor- oder Nachsorge?

Halten wir fest: Vorsorge ist besser als unangenehme Überraschungen. Ein Argument gehört in diesem Zusammenhang noch genauer betrachtet. Der vielfach gehörte Satz: „Ich habe doch nichts zu verbergen.“

Diese Annahme haben sich nicht wenige bis in die Zeit der digitalen Information erhalten. Dabei zeigt Tony Scott tatsächlich recht eindrucksvoll, wie selbst harmlose Zusammenhänge über gezielte Desinformation zu wahren „Rufmord-Kampagnen“ führen können. Bereits während der Anfänge sozialer Online-Netzwerke warnte man davor, zu viele private Daten herauszugeben. Denn anders als die vielen Fäden, die im Film erst noch zusammengesponnen werden müssen, sind diese meist freiwillig und unbedarft geteilten Schnipsel privater Information inzwischen noch viel einfacher und schneller zusammengefügt, als im Jahr 1998 – dem Erscheinungsdatum des Films „Der Staatsfeind Nr. 1“.

Im Idealfall geschieht die Datenanalyse zum Vorteil der Nutzer, im schlimmsten Fall werden dieselben Daten aber auch zur mächtigen Waffe gegen eine Person oder eine Gruppe. Selbst kleine Details werden zum Zünglein auf der Waage – weshalb Vorsorge in jedem Fall auch der Nachsorge im Umgang mit digitalen Daten vorzuziehen ist. Je weniger Information Sie preisgeben, desto besser. Besonders wenn Sie die Wahl haben. Vertrauliche Daten lassen sich zum Beispiel sicher in der Cloud speichern: Geschützt durch starke Ende-zu-Ende-Verschlüsselung von Boxcryptor.

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