Der Gläserne Mensch Teil 4: Die Schattenseiten von Social Media und Nerve
Moritz
Moritz Ober | Cyber Security Writer
2019 M04 29, Mon

Der Gläserne Mensch Teil 4: Nerve und die Schattenseiten von Social Media

Wie nah sind Filme an der Realität bei der Darstellung des „Gläsernen Menschen“, also der totalen Durchleuchtung von Bürgern durch einen Staat? Dieser Frage gehen wir in unserer Blog-Serie auf den Grund. Nach totaler Überwachung durch den Staat, Algorithmen in der Strafverfolgung und Korruption in Behörden geht es in diesem Beitrag um das Suchtpotenzial und die Gefahren von Social Media.

Diskussionsgrundlage ist diesmal der Film Nerve, der 2016 im Kino zu sehen war und am Wochenende auf ProSieben ausgestrahlt wurde.

Nerve – alles nur ein Spiel?

Im Film geht es um die junge New Yorker Schülerin Vee, die durch sozialen Druck zur Teilnahme an dem fragwürdigen (und in einer legalen Grauzone stattfindenden) Spiel Nerve gedrängt wird. Dieses anonyme Internetspiel besteht – ganz im Stil des Klassikers Wahrheit oder Pflicht – aus Herausforderungen. Bei Bestehen locken Geld und Ruhm. Die Teilnehmer können zwischen zwei Rollen wählen: Die „Watcher“ stellen die Herausforderungen und bezahlen die Belohnung. Die „Player“ hingegen können die Herausforderungen annehmen, deren Erfüllung dokumentieren und dadurch die gebotene Belohnung erhalten.

Die gesamte Stadt New York wird zur Arena, in der Menschen wie Spielfiguren agieren. Der Ausstieg ist dabei jederzeit freiwillig möglich, aber unwahrscheinlich, da er den sofortigen Verlust aller Belohnungen in Form von Geld und Popularität nach sich ziehen würde. Im Verlauf des Spiels vergrößern die erfolgreichsten Spieler kontinuierlich ihre Zuschauerschaft, während die weniger erfolgreichen ausscheiden. Die Höhe der ausgesetzten Belohnungen wächst ebenfalls, gemeinsam mit der Schwierigkeit der Herausforderungen. Dies hat jedoch nicht nur die Reduzierung des Spielerkreises zur Folge: Je weiter ein Player voranschreitet, desto waghalsiger werden die Aufgaben. Schließlich setzen der Nervenkitzel und die wachsende Anerkennung jegliche Grenzen der Vernunft und des Gesetzes außer Kraft. Am Ende sehen sich zwei Finalisten mit einer abschließenden, wahnsinnigen Herausforderung konfrontiert.

Im Sog der Sucht – Nerve im Kontext von YouTube und Instagram

Der Film ist in weiten Teilen ein typischer Teenie-Film. Sehenswert ist er aber trotzdem: Die dargestellte soziale Überwachung durch die Watcher und das Suchtpotenzial des Spiels machen Nerve wirklich spannend. Die anfangs sehr zurückhaltende und schüchterne Vee entscheidet sich zunächst in einer spontanen Reaktion für die Teilnahme an dem Spiel. Mit harmlosen Aufgaben schafft sie es, eine rasch wachsende Anhängerschaft für sich zu gewinnen. Sie kommt ihrem persönlichen Ziel, Geld für ihr Studium zu verdienen, ebenso schnell näher, wie die Herausforderungen gefährlicher (und verbotener) werden.

Dass die Realität den Film schon vor Kinostart mehr oder weniger eingeholt hat, ist offensichtlich: In vielen Rezensionen zu Nerve wird auf das fast zeitgleich erschienene Spiel Pokémon Go verwiesen. Dieses weist durch den Gebrauch von Augmented Reality und den erzeugten Hype – sowohl um das Spiel selbst als auch um die Technik – eine gewisse Ähnlichkeit zum Spiel im Film auf.

Genauso interessant ist jedoch meiner Meinung nach ein Vergleich mit der Nutzung von Social-Media-Seiten wie Instagram oder YouTube, und zwar aus folgenden Gründen:

  • Wie das Spiel Nerve sind die genannten Netzwerke aus Nutzersicht einfache Mittel zum Vernetzen. Mit einer steigenden Zahl von Followern wird aber auch die Monetarisierung immer relevanter. Daraus können auch soziale und wirtschaftliche Zwänge entstehen.
  • Diese Zwänge können in der Folge zu Kontrollverlust führen. Im Spiel Nerve werden die Herausforderungen der Watcher immer fordernder. Aus Angst vor sozialer Ächtung und dem Verlust der Gewinne werden diese aber trotzdem weiter angenommen und umgesetzt. Ähnlich verhält es sich in realen Netzwerken auch: Es werden immer neue Sensationen kreiert, um das Interesse der Fans aufrecht zu erhalten. Viral gehende „Challenges“ bekannter und unbekannter Social-Media-Stars sind dabei beängstigend nah am fiktiven Vorbild: Vor laufender Kamera gilt es, verrückte Aufgaben zu erfüllen. Erschreckend wird es vor allem dann, wenn es sich plötzlich nicht mehr um harmlose, oder sogar mit einer wichtigen Botschaft versehenen Aufgaben wie zum Beispiel die ALS Ice-Bucket-Challenge) handelt. Im vergangenen Jahr sorgte zum Beispiel die Tide-Pod-Challenge für internationales Aufsehen: Dabei filmten sich Personen zum Spaß beim Verzehr von Waschmittel, was durchaus lebensgefährlich sein kann. Am Ende rief die aus einem missverstandenen Scherz entwickelte Challenge sogar den Hersteller des Waschmittels auf den Plan, welcher mit einer Gegenkampagne vor den Gefahren warnte.
  • Zuletzt sind es auch unklare Bedingungen, die das Spiel Nerve mit sozialen Netzwerken eint. Wer die Macher des Spiels sind, ist nicht immer offensichtlich. Ebenso wenig erfährt der Zuschauer, wie sich Watcher und Player zu erkennen geben. Ähnlich halten sich Soziale Medien und ihre Stars gerne bedeckt, wenn es um Zahlen zu Gewinn und Vergütung geht. Einen Einblick geben allerdings Umfragen und Studien. Auch die Kennzeichnung werblicher Beiträge gerät immer wieder in die Kritik. Lediglich die Zuschauerzahlen, die Klicks, Likes und Follower, sind öffentlich einsehbar. Auch spiegelt das öffentlich einsehbare Profil weder im Film noch in der Realität das wahre Leben der Personen wieder.

Im Film wird das Geheimnis des Spiels von der Gemeinschaft dahinter geschützt. Jeder Versuch, beispielsweise Details an Außenstehende an die Polizei heranzutragen, wird durch Einschüchterung und Bestrafung durch die anonyme Masse unterbunden.

Sozialer Druck ist also das ultimative Machtinstrument in Nerve. Sich dem zu entziehen ist beinahe unmöglich. Die Entscheidung, sich dieser Kontrolle auszusetzen und dabei sowohl Gesicht, Standort und Aktivität live über das Spiel zu übertragen, fällt zu Beginn bewusst und freiwillig. Einmal im Strudel der Herausforderungen und Belohnungen, wird der soziale Striptease sowohl im Spiel, als auch in den sozialen Netzwerken oft zum Suchtfaktor.

Cyberstalking und Doxing – Reale Gefahren aus dem eigenen Netzwerk

Warnten uns unsere Eltern noch vor dem „bösen Unbekannten aus dem Internet“, so richten sich unsere eigenen Sicherheitsbedenken vielmehr gegen die Machenschaften übermächtig erscheinender Konzerne und Geheimdienste. Es stellt sich dabei häufig die Frage, wie persönliche Informationen gegen unerwünschtes Auslesen durch Dritte geschützt werden können. Ein anderes Sicherheitsrisiko wird dabei vollkommen außer Acht gelassen: Das eigene Kontaktnetzwerk.

Spionage und der Missbrauch von vertraulichen Informationen sind durch das Internet einfacher denn je. Viele kleine Informationsstücke lassen sich zu einem größeren Bild zusammenfügen – wir erinnern noch einmal an den vorangegangenen Teil dieser Serie. Ein Profilbild hier, ein Zeitungsartikel da, schon setzt sich ein Bild zusammen. Selbstverständlich sind Social-Media-Kontakte nicht automatisch Datendiebe. Aber natürlich sollte sich jeder Nutzer und jede Nutzerin dieser Dienste bewusst sein, welche Personen welche Informationen abrufen können.

Stellen Sie sich nur vor: Sie laden – unter Berücksichtigung aller gängigen Sicherheitsvorkehrungen – eigene Urlaubsbilder auf Ihrem Social-Media-Profil hoch. Zunächst können nur Mitglieder Ihres Netzwerkes diese einsehen. Werden Sie aber auf dem gemeinsamen Urlaubs-Bild einer Freundin oder eines Freundes verlinkt, haben Sie bereits die Kontrolle darüber verloren, wer beispielsweise Ihren Aufenthaltsort zum Zeitpunkt der Aufnahme einsehen kann.

Eine weitere Möglichkeit, unfreiwillig Daten an Unbekannte preiszugeben, ist die Mitgliedschaft in einer Gruppe. In den meisten Netzwerken können Mitgliederlisten derartiger Zusammenschlüsse entweder öffentlich oder nach dem Beitritt eingesehen werden. Dabei besteht die Möglichkeit, nicht nur direkt über Freunde, sondern auch über Freunde von Freunden zu stolpern.

Deren private Profile können sie möglicherweise gar nicht öffentlich einsehen. Trotzdem haben sie Informationen über ein gemeinsames Interesse erhalten. Auch weitere Details, die in der Gruppe preisgegeben werden, sind für Sie einsehbar. Zugleich erfahren Sie über den gemeinsamen Freund weitere Details, beispielsweise woher die Person stammt oder in welchem Freundeskreis sie sich bewegt. Damit erfahren Sie eine Menge an Details über eine Person, die sie unter Umständen überhaupt nicht kennen – und dieses Prinzip gilt selbstverständlich auch andersherum.

In der Realität ist diese Art der Informationsgewinnung nicht immer zufällig. Die Praxis, über öffentliche Datenbanken und Netzwerke gezielt Informationen über bestimmte Personen zusammenzutragen, wird auch Doxing genannt. Im schlimmsten Fall können durch Doxing anonyme Personen identifiziert und bloßgestellt werden. In der Folge ist auch Stalking, also Nachstellung und Verfolgung, möglich.

Eine ähnliche Erfahrung macht auch die Hauptfigur Vee in Nerve, als sie versucht dem Spiel zu entkommen: Durch ihre Aktivität sind sowohl der Zugriff auf ihr Bankkonto als auch ihr Aufenthaltsort öffentlich geworden. In der Folge wird sie durch ganz New York gehetzt und durch Erpressung zur Teilnahme am Finale gezwungen.

Digitale Verfolgung und Social Engineering

Der oben beschriebene Kontrollverlust über die eigenen persönlichen Daten eröffnet also theoretisch und praktisch neue Möglichkeiten der digitalen Verfolgung. Mit etwas Böswilligkeit können diese schnell ungeahnten Ausmaße annehmen. Politische Einstellungen oder sexuelle Vorlieben sind nur zwei der zahllosen Beispiele dafür, was ungewollt an den öffentlichen Pranger gestellt werden kann.

Die iCloud-Leaks aus dem Jahr 2014 sind dafür immer noch ein erschreckendes Beispiel. Die Hacker erhielten damals nämlich nicht durch eine Sicherheitslücke des Anbieters Zugang zu den privaten Accounts Prominenter. Sie nutzten einfach die Passwort-vergessen-Funktion und beantworteten die Sicherheitsfragen mit aus der Öffentlichkeit zusammengetragenen Informationen. Wie sorglos viele Menschen mit persönlichen Informationen umgehen zeigt ein ebenso witziges, wie furchteinflößendes Video, in dem Passanten durch ein geschicktes Gespräch Passwörter entlockt werden. Derartige Formen der Datensammlung werden auch als Social Engineering oder Social Hacking bezeichnet.

Nicht mehr als nötig

Zusammengefasst lautet mein Appell an dieser Stelle: Jede Form der Teilnahme an sozialen Online-Aktivitäten sollte gründlich überdacht werden. Geben Sie deshalb nicht mehr Informationen freiwillig preis als nötig. Achten Sie auf Ihre Privatsphäre-Einstellungen – auch wenn dies oftmals lästig erscheinen mag. Ändern Sie regelmäßig Ihre Passwörter (Tipps dazu finden Sie hier). Und natürlich: Schützen Sie Ihre online gespeicherten Daten wie Bilder oder persönliche Dokumente zusätzlich, zum Beispiel durch starke Verschlüsselung. Auch wenn Nerve ein fiktives Spiel beschreibt, sind viele der beobachteten Risiken auch Teil realer Online-Umgebungen.

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